Donnerstag, 8. Februar 2007

Wie alles begann

Da der Text nicht von mir stammt, hoffe ich der Autor hat nichts dagegen. Ich veröffentliche dies nur um einen ziemlich passenden Gesamtrückblick zu geben, mit allen unterschwelligen Befürchtungen des Verfassers...

„Heute ist kein guter Tag“ stellt Janine Bräunlich* nüchtern fest. Am Ende des Abends werden hundert, vielleicht auch hundertzwanzig Euro in der Kasse sein. Sie sitzt in einer kleinen Kneipe in Leipzig, Wurzener Straße – weit weg von Gottschedstraße und Barfußgässschen, wo die Schickeria den Abend verbringt. Ein Wohnviertel in der Nähe der, von den Leipzigern aufgrund ihres gefährlichen Rufes gemiedenen, Eisenbahnstraße. „Oase 136“ heißt das kleine Lokal. Doch das Strohdach über der Bar ist der einzige Versuch, der Kneipe einen mediterranen Touch zu verleihen. Es geht unter neben den vielen leuchtenden Schildchen, dem Spielautomaten und dem Motorrad im Fenster.

Ihr blondes Ponny fällt ihr schräg ins Gesicht, dass, nur wenn sie Pause macht und raucht, ein wenig ernsthafter wird. Ansonsten verbreitet sie ununterbrochen gute Laune in der Stammkneipe und erweckt den Eindruck, jetzt nirgendwo lieber sein zu wollen, als hier hinter der, mit Kunstpflanzen überfrachteten, Theke. Wenn einer der Stammgäste sein Bier leert, ist sie sofort zur Stelle. Wie als würde sie schon seit zwanzig Jahren hier Bier zapfen, steht sie am Tresen und achtet sorgfältig darauf, dass kein Gast irgendwann ohne Trinken dastehen muss. Wenn der letzte Gast gegen um eins gegangen ist, wird sie aufräumen, das Geld zählen und sich für jede Stunde fünf Euro aus der Kasse nehmen – wenn der Umsatz gut war.

Die Leute hier mögen sie, weil sie immer freundlich ist und jeden Scherz mitmacht. Sie merken ihr nicht an, dass das eigentlich nicht ihre Welt ist. Vor knapp zwei Monaten noch stand sie auf der feierlichen Bühne des Schulmuseums und wurde für ihr hervorragendes Abitur ausgezeichnet: Traumnote 1,1, Jahrgangsbeste, fünftbeste in der fünfzehnjährigen Schulgeschichte, das Cambridge Certificate hat sie vor kurzem mit Bestnote erhalten. Voller Begeisterung wurde sie von ihren Lehrern für die „Studienstiftung des Deutschen Volkes“, die Hochbegabte aus ganz Deutschland fördert, vorgeschlagen. Neben dem Schulalltag hat sie in den letzten drei Jahren eine Schülerfirma aufgebaut und war immer mit dabei, wenn es darum ging, die Schule zu repräsentieren. Zuletzt in Bonn im Rahmen des Projektes „Schule interaktiv“ der Deutschen Telekomstiftung, das die Schule mit Laptops und Beamern ausgestattet hat. Doch jetzt ist sie raus und bekommt von alldem nichts mehr mit.

Einer der Stammgäste will noch ein Bier haben und schon springt Janine wieder auf. Er bedankt sich mit einem Lächeln und schaut ihr noch kurz hinterher, als Janine zum Kühlschrank eilt. Dann verliert sich sein Blick in dem frischgezapften Bier und er erzählt seinem Kumpel nochmal die Geschichte vom Lindenauer Hafen. Ein Freund war heute dort in „die Drecksbrühe“ gefallen und auch beim dritten Mal muss er noch darüber lachen. Mit seinen Sandalen, dem Krombacher – T-Shirt und der festsitzenden Zahnspange sieht Robert ziemlich unauffällig aus – und jung, schätzungsweise sechzehn, höchstens siebzehn. Der Blick sagt, dass das heute nicht sein erstes Bier ist. Auf die Frage, wie alt er ist, lächelt er und sagt mit kaum unterdrücktem Stolz: „Bin letzte Woche zwanzig geworden.“ Ok, doch nicht sechzehn. Er gibt Janine einen Sekt aus, weil die, ebenfalls vor ein paar Tagen, neunzehn wurde. Sie dankt kurz, macht einen Strich auf seinen Deckel und springt wieder zum Zapfhahn.

Er ist gut drauf, weil er heute mit seinen Freunden das zweite Jahr in Folge den……wettbewerb gewonnen hat und nächste Woche zum Redbull-Flugwettbewerb darf. Begeistert erzählt der angehende Verkäufer von dem fünf Meter langen Fluggerät und vergisst dabei fast das Kartenspielen. Er stopft eine Zigarette und schenkt sie Janine. Sie bedankt sich nochmal und fragt zum Spaß, ob da Gras drin sei. Ein paar Leute lachen – der kam gut an. Sie mag die meisten Leute hier. „Die sind eigentlich alle ganz lieb, auch wenn sie nicht so aussehen.“ Da ist der einunddreißigjährige Ehemann mit dem Oberkörper eines Türstehers und dem Tatoo auf dem muskulösen Arm. Er hält sich und seine Familie mit Arbeitslosengeld II und Schwarzarbeit über Wasser. In der andern Ecke sitzt der ehemalige Alkoholiker mit seinem dünner werdenden Haar und dem Schnauzbart und schlürft zufrieden seine rote Limo.

Die Leute hier tragen die Tische mit rein, wenn es regnet und helfen der Kellnerin, die den Laden alleine schmeißt, wenn sie umräumen muss. Sie kennen sich gegenseitig und keiner würde hier ernsthaft Streit anfangen. Der Einzige, der den Kellnerinnen wirklich Probleme macht ist der Geschäftsführer, der sich hier nur sehen lässt, um das Geld vom Vorabend nachzuzählen. Er rechnet den Kellnerinnen ihre Arbeit nicht an, zählt das Geld was raus kommt und zahlt sie schwarz. Und wenn der Umsatz nicht stimmt kommt eine SMS aufs Handy.

Auch wegen ihm ist Janine froh, dass sie am Tag der deutschen Einheit für ein Jahr nach Kanada fliegt, wo sie durch das Land reisen kann und nebenbei arbeiten wird. Aber bis dahin braucht sie noch das Geld für den Flug und die Vermittlung durch die „Travelworks“-Agentur. Doch sie möchte auf eigenen Beinen stehen und ist mit dem Job eigentlich ganz zufrieden. Nur ab und zu hat sie doch ein bisschen Angst, dass sie sich allzu sehr dem Niveau anpasst. Als die zukünftige Managementstudentin dann doch erst um drei den Laden schließt, verkündet ein rotes Plakat an der Tür mit großen, weißen Buchstaben: „Wir trinken Bier – auf Hartz IV!“.

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